Herzlich willkommen bei gerd keil!


Herzen die Gesichter tragen,
stellen keine dummen Fragen,
sie sind einfach da im Leben,
helfen Lasten wegzuheben.



Eine regionale Tageszeitung veröffentlichte einmal mein Porträt.


Gerd Keil litt in der DDR unter Haft und Folter

Lebenslauf:

·         1963 in Berlin geboren

·         1965 einjähriger Aufenthalt im Kinderheim

·         1966 Umzug mit der Familie nach Friedrichsfelde

·         1980 Abschluss an der Polytechnischen Oberschule

·         1980-82 Ausbildung zum Elektromonteur

·         13. Juli 1986 Festnahme durch die Stasi und erstes Verhör

·         1986-89 Haft

·         8. April 1989 Freikauf durch die BRD

·         1994 erstmalige Einsicht in die Stasi-Akten

Mit seinem sozialistischen Elternhaus kam er nicht klar, die Stasi fügte ihm seelische Verletzungen vor. Seine Erfahrungen hat der frühere Berliner und heutige Wienhäuser Gerd Keil in einem Buch verarbeitet.

In der Kindheit hat Gerd Keil oft gelernt, dass Familie das ist, was man besser nicht hat. Denn sie kontrolliert und reglementiert, gibt vor und nicht nach. Seine Eltern pressen ihn in eine Schablone und versuchen das Überstehende abzuschneiden. Doch es funktioniert nicht. Sie stopfen seine Sachen in einen Koffer und setzen ihn vor die Tür.

Was danach folgt, geht weit über das Erträgliche hinaus. Keils Vergangenheit steckt voller Schmerz. In der DDR wurde er verhaftet, gefoltert und schließlich verkauft.

Während Keil aus seinem Leben erzählt, legt sich ein Schatten über sein Gesicht. Es ist keine Wut, sondern tiefe Enttäuschung und absolutes Unverständnis. Auch sein Berliner Dialekt vermag die Trauer nicht verbergen.

Geboren wird Gerd Keil 1963 im Osten Berlins als zweites Kind und Sohn einer durchweg sozialistischen Familie. Seit zwei Jahren steht die Mauer, „der antifaschistische Schutzwall“, wie sein Vater sagt. Von Bauarbeitern errichtet - mit den Maschinenpistolen der Nationalen Volksarmee im Rücken.

Kein Platz: er muss ins Kinderheim

Keil ist erst ein paar Jahre alt, da erkrankt seine Mutter an Gelbsucht und liegt monatelang im Krankenhaus. Der Vater leistet bei der NVA seinen „Ehrendienst“, der Bruder findet bei den Großeltern Unterschlupf. Für Gerd Keil ist da kein Platz, er muss ins Kinderheim. Eine Zeit, die sein Leben prägt. Ständig erzwungene Handlungen – auf Kommando gerade sitzen, essen, spielen, aufs Töpfchen gehen. Er fühlt sich allein.

Einige Zeit später ist die Familie wieder zusammen und zieht in eine „sehr begehrte Plattenhaussiedlung“ in der Nähe des Berliner Tierparks. Es ist schwer zu sagen, ob das bittere Ironie ist, die da in Keils weicher Stimme mitschwingt. Die Drei-Zimmer-Wohnung ist fast unbezahlbar, doch der Vater ist treuer Genosse der SED, irgendwie klappt es.

Er stellt zu viele Fragen. „Ich war wohl nicht das bequemste Kind“, sagt Keil. Als Sechsjähriger will er wissen, warum der Mond rund ist. Als 14-Jähriger fragt er seinen Vater, warum es nur eine Partei gibt. Der Vater ist nicht der Richtige für diese Fragen. Die Mutter sagt, dass sie ihn „am liebsten in einen Sack stecken, einen Stein dran binden und dann alles zusammen in die Spree werfen würde“.

Immer an seiner Seite ist dabei Heike, seine langjährige Schulfreundin und große Liebe. Als die beiden zehn Jahre alt sind, verlaufen sie sich und stehen am Ende einer Wiese vor der Mauer. Sie wollen umkehren. Doch hinter ihnen warten schon die Grenztruppen der DDR mit den Maschinenpistolen im Anschlag. Keil und seine Freundin werden auf das Volkpolizeikreisamt gebracht und getrennt verhört. Sie sind Kinder und werden wie Verbrecher behandelt, erst Stunden später wieder in die Freiheit entlassen. Ihre erste Erfahrung mit der sozialistischen Staatsmacht.

Nachdem Keil 1980 die Schule abschließt, beginnt er eine Ausbildung zum Elektromonteur bei der Berliner S-Bahn. Mit 17 Jahren setzen ihn seine Eltern vor die Tür. Warum? Weil er nach einer durchfeierten Nacht erst am nächsten Morgen nach Hause kam – nichts ahnend und mit frischen Brötchen in der Hand. Er zieht zu einer Arbeitskollegin und hört nicht ein weiteres Wort von seinen Eltern.

Durch seine Freundin Heike kommt Keil schließlich in den Kreis einer kirchlichen Jugendgruppe. Gemeinsam diskutieren sie über Politik und Wirtschaft in der DDR und drucken Flyer. Durch die Gruppe bekommt er erstmals Kontakt zu Fluchthelfern und nimmt schließlich selbst Flüchtlinge in seiner Wohnung auf. Riskant. Zudem macht er sich durch unliebsame Fragen bei der Arbeit verdächtig. Er weiß, es wird brenzlig und fängt an seine eigene Flucht zu planen. Doch es kommt nie dazu.

Als Keil viele Jahre später seine eigene Stasi-Akte liest, erfährt er, dass sein eigener Vater zu den Verrätern gehörte. Keil will ihn damit konfrontieren. Doch einen Tag vor der geplanten Fahrt nach Berlin, stirbt sein Vater. Als sich Keil an seine Mutter wendet, sagt diese, dass sie nichts gewusst hätte, „und wenn, so schlimm hätte ja alles nicht gewesen sein können“.

Dass, was in Keils Leben nach 1986 geschah, hinterließ tiefe Spuren in seiner Seele. An den 13. Juli 1986 erinnert sich Keil mehr als deutlich: Er verbringt einen schönen Abend mit seiner Freundin, sie gehen essen und wandern verliebt durch die Sommernacht. Am nächsten Tag verabschiedet sich das Paar am Bahnsteig. Zu kurz, zu schnell. Keil muss zur Arbeit. Er ahnt nicht, dass er Heike erst Monate später wiedersehen würde. Auf einem Foto – mit geschwollenem Auge, blutüberströmten Gesicht und zerrissenen Trägern. Er selbst wird im dunklen Treppenhaus zu seiner Wohnung von drei Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit überrascht. Sie bringen Keil nach Hohenschönhausen, in die zentrale Untersuchungshaftanstalt der Stasi.

Er muss sich nackt ausziehen,  sie demütigen ihn auf widerlichste Art, schlagen ihm mit der Faust ins Gesicht. Plötzlich trägt er keinen Namen mehr, er wird zu einer Nummer – Häftling 101. Sieben Monate lang folgt ein grausames Spiel aus Verhör tagsüber und schlaflosen Stunden und Psychoterror nachts. Die Stasi will wissen, wie seine Freunde heißen und wer zu den Fluchthelfern gehört. Sie wollen Namen. Keil hält dicht.

Am 6. Februar 1987 tritt Keil zum letzten Verhör an. Als sie ihm ein Foto der vergewaltigten Heike zeigen, bricht er zusammen und gesteht. Er wird verurteilt - für staatsfeindliche Hetze und Republikflucht. „Verurteilt zu vier Jahren Haft, im Namen des Volkes, unter Ausschluss des Volkes“, sagt Keil bitter.

Um die traumatischen Erinnerungen zu verarbeiten, hat Gerd Keil ein Buch geschrieben. Beim Schreiben kamen die Erinnerungen hoch und die ständig brennende Frage nach dem Warum. Bis heute kann er nicht verstehen, wie die Menschen, die ihn verraten und diejenigen, die Heike vergewaltigt hatten, mit ihren Taten leben konnten. Mit dem Schreiben kam auch die Zuversicht, dass er mit seinem Buch „gegen die Wiederholung der Geschichte“ wirken könne. Heute wohnt Gerd Keil in Wienhausen, trägt bei Lesungen aus seinem Buch vor und hält Vorträge an Schulen. „Die DDR war ein heuchlerisches, völlig verlogenes System. So eine Diktatur, überhaupt jegliche Diktatur, darf es nie wiedergeben“, sagt er.

Er würde alles genau wieder so machen. „Das einzige, was ich bedauere: Ich hätte gern noch mehreren Menschen bei der Flucht aus der DDR geholfen.“

In Keils Leben gab es viel Leid, aber auch Menschen, die an seiner Seite standen und seine Hand ergreifen. „Herzen, die Gesichter tragen“, sagt Keil. Er denkt dabei an seine „liebe Heike“, die er suchte und nach 24 Jahren Trennung in Berlin wieder traf. „Wir haben uns beide nie vergessen, unser Leben lang“, sagt Keil. Mittlerweile ist sie gestorben. Sein Dank gilt auch seinem besten Freund Dirk, seinen Großeltern, und nicht zuletzt seinen zwei Kindern.